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Die Wahrheit über Stosswellentherapie bei Schulterschmerzen. – Unerwünschte Nebenwirkungen. Fehlende Wirksamkeit.

Warum sich die Stosswellentherapie als eine unnötige und unwirksame Behandlungsform bei Schulterschmerzen erwiesen hat.

Ein für Laien verständlich geschriebener Gastkommentar von einem befreundeten Autor, den ich 2019 am internationalen Kongress für Physiotherapie in Genf (WCPT 2019) kennenlernen durfte. Im Zuge seiner professionellen Arbeit befasste er sich u.a. mit den Folgen der Stosswellentherapie bei Schulterschmerzen.

Es kommt immer wieder vor, dass zur Behandlung von Schulterschmerzen zu einer Stosswellentherapie (engl. „extracorporeal shock wave therapy“) geraten wird. Warum dies nicht empfehlenswert ist und sogar Verletzungen nach sich ziehen kann wird in diesem Artikel näher erläutert.

Normalerweise geht der Autor selten mit Beobachtungen aus dem Praxisalltag an die Öffentlichkeit.

Wenn aber diejenigen, die nach einer Lösung für ihre Schmerzen suchen den Versprechungen des Marketing auf den Leim gehen und dabei zu Schaden kommen ist Schweigen unverantwortlich.

Irreführende Aussagen in der Werbung

Die Werbung behauptet Stosswellentherapie sei bei der Behandlung von Schmerzproblemen an der Schulter erfolgreich.

Manche schwärmen von ihrer Anwendung. – Nicht etwa weil sie langfristig für Betroffene wirksam ist. Sondern weil sie für wenig Einsatz hohe Gewinne bringt. Für diejenigen die sie vermarkten, versteht sich.

Wie sieht es mit der Wirkung für die Patienten aus ?

Diese ist, wenn man die Aussagen einiger Studien zu der Frage zusammenfasst, entgegen den Werbeaussagen keineswegs dauerhaft.

Die Wahrheit über Stosswellentherapie bei Schulterschmerzen…

Wenn man aber Herstellern und Verkäufern der Stosswellentherapiegeräte nicht alles glauben darf, wie ist es dann möglich die Wahrheit über die Wirksamkeit einer Stosswellentherapie bei Schulterschmerzen herauszufinden ?

Ist es überhaupt möglich eine fehlende Wirksamkeit nachzuweisen ?

– Um die „Wahrheit über Stosswellentherapie“ bzw. die Wirksamkeit einer beliebigen anderen Behandlung festzustellen gibt es ein erprobtes und verlässliches Mittel: die sogenannte Übersichtsstudie. Diese gibt uns, wie der Name sagt, eine Übersicht über mehrere bereits durchgeführte Forschungsarbeiten zu einer Frage.

Das Ergebnis kann einiges verraten. Zum Beispiel ob Aussagen vorwiegend zum Vorteil von Verkäufern und Herstellern von Produkten (wie z.B. eines Stosswellentherapiegerätes) erscheinen. Oder ob auch für Patienten ein tatsächlicher langfristiger Nutzen drinsteckt.

Die Wahl einer Übersichtsstudie ist deshalb so wichtig, da sie aussagekräftiger ist als eine einzelne Studie. Denn wenn es darum geht mehr Kunden für ein Produkt zu begeistern, kaufen sich Hersteller manchmal auch einfach die Arbeit entsprechend geneigter Studienautoren. Es ist klar, dass in diesen Arbeiten dann auch nur die „richtigen“ Ergebnisse erscheinen.

Leider gibt es eine Menge Beispiele bezahlter Studien. Sehr zum Nachteil derjenigen, die diese Interessenskonflikte nicht erkennen können und in die Irre geführt werden.

… keine nennenswerte Wirkung.

Die Übersichtsstudie ist also eine Untersuchung einer Reihe anderer Studien, die zu einem Thema bereits existieren. Auch die von Herstellern bezahlten Studien werden dabei mit untersucht.

So zeigt die im Jahre 2020 durchgeführte Übersichtsstudie zum Thema Stosswellentherapie bei Schulterschmerzen die Wahrheit über Stosswellentherapie.

Das Ergebnis liegt weit entfernt von den Versprechungen.

ein Auszug (Englisch):

„Based upon the currently available low‐ to moderate‐certainty evidence, there were very few clinically important benefits of shock wave therapy, and uncertainty regarding its safety.“

„In people with rotator cuff disease, moderate‐certainty evidence (downgraded due to bias) shows that shock wave therapy probably does not improve pain and function compared with placebo.“

Zu deutsch: (…) die schwache Evidenz (…) zur Wirksamkeit einer Stosswellentherapie bei Schulterschmerzen deutet daraufhin, dass sie sehr wenige für Patienten bedeutsame Vorteile bietet und wahrscheinlich keine Verbesserung von Schmerzen oder Beweglichkeit der Schulter im Vergleich zu einer Placebobehandlung bewirkt. Es besteht zudem Ungewissheit bezüglich der Sicherheit (unerwünschten Nebenwirkungen) der Stosswellentherapie.

Diese Aussage ist unmissverständlich.
Und sie widerspricht der Werbung auf klare Weise.

Placebo – was ist das ?!

Für diejenigen, die noch nie von der Placebowirkung gehört haben: eine Placebowirkung ist vereinfacht ausgedrückt die gemessene Wirksamkeit einer Therapie, wenn sie dem Schein nach aussen gleich für Betroffene aussieht, aber nicht richtig durchgeführt wird. Die Placebowirkung misst die reine Erwartungshaltung der Besserung und trennt diese von der tatsächlichen Wirksamkeit einer Behandlungsform.

Im Vergleich zur Placebowirkung bringt eine Stosswellentherapie für Patienten mit Schulterschmerzen – z.B. mit Leiden der Rotatorenmanschette (Anm.: häufig gleichbedeutend mit „Schulterschmerzen“) – keine nennenswerte Besserung der Schmerzen und keine Verbesserung der Beweglichkeit des Schultergelenks.

Studie in der Praxis bestätigt.

Da der Autor selbst regelmässig Patienten mit Schulterschmerzen nach einer Stosswellentherapien betreut hat und betreut, kann er diese Aussage auch in der Praxis bestätigen. Die Wirkung – wenn sie denn überhaupt eintritt – ist von kurzer Dauer.

Schlimmstenfalls aber führen Schmerzen, welche während der Stosswellentherapie zusätzlich entstehen zu einer weiteren Verschlechterung. Manche Patienten berichten über Kopfschmerzen und blaue Flecken.

Es wurde aber auch von schweren Verletzungen berichtet, die beim Versuch auftraten Kalkeinlagerungen der Schulter mit Stosswellen zu lösen (Osteonecrosis of the humeral head after extracorporeal shock-wave lithotripsy. Durst HB, Blatter G, Kuster MS J Bone Joint Surg Br. 2002 Jul; 84(5):744-6. ( LOE 4 ).

Letzteres ist besonders heikel, da mittlerweile bekannt ist, dass die meisten Verkalkungen der Sehnen im Schulterbereich keine Schmerzen bereiten und daher zusätzlich andere Faktoren für die Entstehung der Schmerzen notwendig sind als das alleinige Vorhandensein einer Verkalkung.

Suche nach der wahren Schmerzursache.

Wer an Schulterschmerzen leidet oder sich immer wieder schmerzhaft verletzt der sei daran erinnert: entscheidend für eine Besserung ist wie bei jeder Schmerzproblematik, die wahre Ursache zu finden. –

Der allerhäufigste Grund für Schmerzen an Gelenken im Körper und auch am Schultergelenk ist und bleibt wiederholte Fehlbelastung.

Diese ist weder im Röntgenbild, Ultraschall, CT oder MR-Bild zu sehen !

Was in den bildgebenden Verfahren aber gut sichtbar wird sind die Folgen der Fehlbelastungen. Die sichtbaren Folgen werden oft für die wahren Ursachen gehalten bzw. mit diesen verwechselt. Für die Betroffenen bedeutet das einen längeren Leidensweg, da hier oft Symptome behandelt werden und an der zugrundeliegenden Problematik sich nichts ändert. Im Gegenteil geht dabei Zeit verloren.

Wie ist es aber möglich die Fehlbelastung, die als Ursache für Schulterschmerzen und Kalkeinlagerungen im Verborgenen arbeitet zu finden ?

Die physiotherapeutische Untersuchung ist oft sehr gut in der Lage diese aufzuspüren. Sie legt damit den Grundstein für eine langfristig erfolgreiche Behandlung. So nützlich und notwendig das bildgebende Verfahren ist, ist es dennoch nötig für ein genaues Verständnis über die zweidimensionale Welt der Bilder hinauszugehen. Verschiedene Fragestellungen, Tests und Beobachtungen helfen das Problem zu ergründen und den Weg für eine langfristige Besserung und Entwicklung zu ebnen.

Entzündung ist nicht der Feind.

Kalkeinlagerungen sind nicht gleichbedeutend mit Schmerzen. Denn was die wenigsten Betroffenen wissen: die meisten bleiben beschwerdefrei und daher unentdeckt. Es gibt viele Beispiele für Kalkeinlagerungen im menschlichen Körper, die ohne zusätzliche Reizung keinerlei Beschwerden verursachen.

Schmerzhaft ist hingegen die Entzündung, welche auf wiederholte Verletzung der Gewebe folgt.

Es sind stetig wiederkehrende Fehlbelastungen welche über oft mikroskopisch kleine Muskel- und Sehnenverletzungen zur Entzündung führen. Diese ist ein zu 100% natürlicher und vom Körper in die Wege geleiteter und beabsichtigter Prozess, ohne den keine Verletzung heilen kann. (Anm.: dazu braucht es die richtige Anleitung bzw. das Wissen welche Voraussetzungen dafür nötig sind.)

Die vorübergehende Abschaltung der Entzündung bzw. Stummschaltung der Schmerzen kann kurzfristig zur Überbrückung sinnvoll sein. Sie ist aber langfristig selten zielführend.

Denn Entzündung ist nicht das Problem das beseitigt werden muss, sondern ein wichtiger Teil des Heilungsprozesses einer jeden Gewebeverletzung. Wird allein die Entzündung beseitigt, so kann dies eine Ausheilung verzögern. Wenn ihre bremsende Wirkung fehlt, so ermöglicht das weitere schädigende Belastungen, und das womöglich im Glauben alles richtig zu machen.

Über kurz oder lang kommt es dann zu denselben, manchmal aber zu noch stärkeren Schmerzen. Da sich der Entzündungsprozeß mit jeder Verletzung verstärkt und dabei chronisch werden kann, kommen zusätzliche biochemische Prozesse in den Gang, welche auch eine sichtbare Verkalkung anstelle der wiederkehrenden Verletzung an Muskeln und Sehnen wachsen lassen können.

Der Wert unabhängiger Information

Das Beispiel der Wirbelsäulenversteifungen zeigt, wie wichtig es ist bei Schmerzproblemen sich vorab richtig und unabhängig zu informieren.

Physiotherapeuten aus der Schweiz warnten bereits in den 1980er Jahren vor zu häufigen, fehlgeleiteten Eingriffen. Den Versteifungs-OPs an der Wirbelsäule. Manche gingen so weit in Medien und Radiosendungen vor unabsehbaren Langzeitfolgen zu warnen. Als diese dann eintraten sank (zumindest in Österreich) die Zahl der Wirbelsäulenversteifungen auf ein deutlich niedrigeres Niveau.

Doch auch heute noch sind irreführende Informationen zu Eingriffen und modischen Therapieformen keine Seltenheit. Hochglanzprospekte versprechen einfache und vor allem schnelle Lösungen für Probleme die sich in Wahrheit oft als vielschichtig erweisen.

Wer sich an unabhängiger Stelle informiert, ob eine angebotene Behandlung auch wirklich alternativlos ist, oder ob mit ursachen-orientierten, konservativen Lösungsansätzen nicht besser geholfen wäre mindert zumindest das Risiko einer möglichen Fehlbehandlung erheblich.